Eisenstadt im Burgenland

Bild-Text-Reportage:
Die Geschichte der Juden im Burgenland

copyright © für Bild + Text by: Franz Roth/Borderline Press
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Grab Josef Haydn
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Grab Josef Haydn
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Bergkirche, Eisenstadt
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Eisenstadt, Schloss Esterhaszy
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Juedisches Museum, Eisenstadt
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Juedisches Museum
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Bergkirche, Eisenstadt
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Eisenstadt, Schloss Esterhaszy
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Eingang zum Ghetto, Eisenstadt
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Juedischer Friedhof
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Eisenstadt, Schloss Esterhaszy

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Das Burgenland Grenzregion in Europas Osten









Unter dem Schutz der Landesherren

Die Juden im Burgenland unter den Esterházy

Es gab jahrhundertelang im Burgenland blühende jüdische Gemeinden. Sie sprachen deutsch und jiddisch. Sie lebten vom Handel und vom Handwerk. Und sie standen unter dem Schutz der Fürsten Esterházy, die sie schätzten und achteten.

Sie kamen von weit her, aus Spanien und Portugal. Sechs Familien sefardischer Juden sollen Ende des 15. Jahrhunderts die erste im Burgenland nachgewiesene jüdische Siedlung in Mattersdorf gegründet haben. Aber die Nachfahren verlieren sich im Strom jüdischer Flüchtlinge aus Kärnten, der Steiermark, aus Mähren und Wien, die dort, wie überall, verfolgt wurden.

Im Burgenland suchen sie Schutz, Schutz den sie erhalten, aber teuer bezahlen müssen. Mit der Toleranztaxe, der Aufenthaltssteuer, und einer kleinlichen Vielzahl weiterer Abgaben an die Esterházy, die Batthyány und die Nádasdy, die Feudalherren des Landes. Damit erkaufen sie sich die Zusage, dass sie "auch in Krigs Laufen sivill als miglich geschuzt werden".

Eine Freiheit in Knechtschaft

Mit den Esterházy kommt das Burgenland unter ungarische Herrschaft. Die Esterházy sind katholisch und gewähren den Juden Religionsfreiheit. Und eine eigene Gerichtsbarkeit. Jeder jüdische Richter erhält aus der Hand des Fürsten einen gedrechselten fünfzig Zentimeter langen Holzstab zum Zeichen seines Amtes. Es mag paradox erscheinen, aber die Abhängigkeit von den Esterházy bringt die für das Leben der orthodox-jüdischen Gemeinden notwendige Autonomie, wenn auch eine Freiheit in der Knechtschaft.

Im 17. Jahrhundert bilden die Gemeinden in Eisenstadt, Deutschkreutz, Frauenkirchen, Kittsee, Kobersdorf, Lackendorf und Mattersdorf die heiligen "Siebengemeinden", die sheva kehilot. Sie bringen gemeinsam die drückenden Abgaben für die Landesherren auf und leben im Ghetto in guter Nachbarschaft zu den Christen, die ihnen am Sabbat Licht und Feuer entzünden. Die Juden sind meist kleine Gewerbetreibende, aber sie werden auch Beamte, Anwälte und Ärzte. Womit sie, nicht sehr zur Freude ihrer christlichen Nachbarn, über den Bereich des Handels hinaus in die bürgerlichen Berufe vordringen. Aber die Esterházy tolerieren auch das, leben sie doch nicht schlecht von den Juden.

Im neunzehnten Jahrhundert wird die Welt der Ghettos zu klein, als nunmehr mehr als sechstausend Juden in den Siebengemeinden heimisch sind. Viele ziehen nach Wien und Budapest. Und 1848 endlich endet die Abhängigkeit vom Fürstenhaus, nachdem schon zwei Jahre zuvor die Toleranztaxe abgeschafft worden war.

Kein Platz mehr im neuen Deutschland

Die burgenländischen Juden sprechen im neunzehnten Jahrhuindert jiddisch, aber auch deutsch. Sie fühlen und empfinden deutsch und widersetzen sich tapfer den Magyarisierungsversuchen auch nach dem ersten Weltkrieg und dem Zerfall der K.u.K.-Donaumonarchie. Denn erst 1921 wird das Burgenland, das ehemalige Deutsch-Westungarn wieder österreichisch.

Noch 1928 hatten die burgenländischen Juden den deutschen Reichstagspräsidenten Paul Loebe in Eisenstadt mit dem Bekenntnis empfangen: "Das ganze Deutschland soll es sein", doch schon zehn Jahre später, nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, war für die burgenländischen Juden in diesem "Großdeutschland" kein Platz mehr.

Unter den Vertriebenen befindet sich auch Sándor Wolf, dessen Familie seit mehr als 150 Jahren im Weinhandel tätig ist. Sie gelten als die "Eisenstädter Rothschilds". In ihren Kellern lagern Fässer mit einem Fassungsvermögen von mehr als 100.000 Hektolitern und sie exportieren den Wein aus Rust und Oggau bis nach Argentinien und Brasilien. Dem bereiten die Nationalsozialisten ein jähes Ende. Wolf emigriert nach Israel und sammelt dort jüdische Kunstschätze aus aller Welt. Er stirbt in Israel im Jahr 1946 über den Vorbereitungen zu seiner Rückkehr in die Heimat. Beigesetzt ist er in Eisenstadt auf dem alten jüdischen Friedhof.

Die Gemeinde Unterberg-Eisenstadt, das ehemalige Ghetto, wo noch immer Juden leben, steht heute dank Sándor Wolf unter Denkmalschutz. Aber nur wenige Juden kehren ins Burgenland zurück, in dem über 250 Jahre blühende jüdische Gemeinden bestanden und die Talmudschulen von Deutschkreuz, das die Juden Zelem nannten, und Mattersdorf einen geachteten Namen in der jüdischen Welt genossen.